Samstag, 10. September 2011

Wikipedia: Wer ist der Exzellente Benutzer?

(Heinrich Bruns, Journalistenakademie) Zu Eingang der Diskussion bat die Referentin, das Twittern zu unterlassen. Schweren Herzens folgte ich dieser Aufforderung. Die Erklärung von poupou: Sie möchte, dass die Nutzer ohne Schere im Kopf frei von der Leber diskutieren können. Diesem Argument möchte ich mich nicht verschliessen. Deswegen versuche ich im Off ein wenig Eindrücke, Positionen und Meinungen zu notieren.

Eingangs fragt poupou die Nutzer, was sie schon mal dazu gebracht hat, über ein weiteres Engagement bei Wikipedia nachzudenken. Von Sturheit über mangelnde Diskussionsbereitschaft bis hin zu Diffamierung und Besserwisserei reichten die Einträge, die die Diskussionsteilnehmer auf Karteikarten schrieben.

Andererseits sind es gerade Skills wie Toleranz, Verständnis, Argumente statt Pöbelei, Bereitschaft zu loben und Nachdenken starke Argumente, bei Wikipedia mitzumachen.

Drittes Szenario: Die Teilnehmer sollen sich vorstellen, einen Preis an einen Wikipedianer zu vergeben. Was ist das wichtigste Kriterium?

Hier gab es Meldungen wie Freundlichkeit, Tonart auf der Diskussionsseite, Langmut, Engagement, Umgang, Konstruktivität, Gestaltung der Signatur, Korrektheit in Diskussionen.

Aus diesen drei Fragen und den gegebenen Antworten lässt sich eines klar erkennen: Der "Exzellente Benutzer" ist ein Mensch, der an Wissen interessiert ist und in einer sozialen Gemeinschaft an einer Enzyklopädie des Wissens mitarbeiten will.

Sollten Sie sich wiedererkennen, die Wikipedianer freuen sich sicher auf Ihre Mitarbeit!
Heinrich Bruns, Journalistenakademie

Ist die Wikipedia eine Enzyklopädie?


Mit der Geschichte und Gegenwart der Riesennachschlagewerke befasste sich Dr. Ziko van Dijk am Samstag auf der WikiConvention, 7.-9.9.2011 in Nürnberg. Zu Beginn erzählte er eine Geschichte: „Gestern lief ich mit dem Wikipedia-Anhänger durch Nürnberg, da sah mich ein junges blondes Mädchen denkt: Hey, der schreibt bestimmt bei der Wikipedia mit. Süß! Das ist einer der Idioten , der meine Hausarbeiten schreibt...“

Dr. Ziko van Dijk hat am Artikel Enzyklopädie mitgearbeitet. Zuerst wird es recht grundsätzlich propädeutisch und zeichentheoretisch: Es gibt ein sprachliches Zeichen: einen Bezeichner (Bezeichnendes) und ein Bezeichnetes. Ein Blick in die Geschichte führt in die Spätantike und ins Hochmittelalter – allerdings gab es den Gattungsbegriff „Enzyklopädie“ noch nicht.

„Eine Enzyklopädie ist ein Plagiat in alphabetischer Anordnung“. Vor der Erfindung des Urheberrechts gab es zwar noch keine Urheberrechtsverletzung, aber Plagiate galten doch als anrüchig. Vorläufer sind natürlich die große französische Encyclopédie von Diderot und vielen weiteren. Vorher gab es Zedlers Universallexikon, auch die englische Cyclopaedia, später die Enzyklopedia Britannica. Im 19. Jahrhundert entstand mit dem Brockhaus der Typus des Konversationslexikons.

Was ist nun die Wikipedia? Ziko van Dijk plaudert aus der Geschichte der Wikipedia: Anfangs sollten es keine Fußnoten geben. Darf eine Enzyklopädie so aktell sein? Auch das war zeitweise umstritten. Und eine historische Parallele: Wissenschaftler hätten auch im 19. Jahrhundert gern für die Enzyklopädie geschrieben, konnten sich das aber nicht leisten.

Wie sieht es mit der Zusammenarbeit aus? Autor und weitere Bearbeiter sind nicht immer einer Meinung. Viele Konflikte kommen, so van Dijk, aus der Unsicherheit. Woher wissen nun Wikipedia-Autoren, was ein Lexikon ist? Auch sie sind in der Regel mit dem Brockhaus aufgewachsen... Die Eingangsfrage wurde übrigens bejaht.

Wikipedia: "Ich bin doch nicht blöd"

Was alles schief gehen kann, erklärt Ralf Bötsch (RaBoe) aus der Perspektive des Wikipedia-Einsteigers. Bevor es richtig los geht, erkämpft eine österreichische Nutzerin das Wort: Auch Österreichisch ist Deutsch! Darf man Jänner schreiben oder muss es Januar heißen? Hornung statt Februar? Und damit ist die Runde mittendrin in einer Diskussion rund um das Selbstbewusstsein von Wikipedia-Autoren und die Community. Es gibt gute Vorschläge zur Problemlösung und Tipps, wo man Hilfe findet.

Freitag abend: Quiz mit Kev

Freitag abend auf der WikiConvention: Zur Entspannung führt Big Kev Murphy (Kevin Dardis) durch ein Quiz. Heinrich Bruns von der Journalistenakademie hat mitgetwittert. Eine Auswahl seiner Tweets:

  • Wieviele Bundeskanzler der BRD wurden im heutigen NRW geboren? #wikicon
  • 5. Frage: Jazz. Sortieren Sie die Stile nach Entstehungszeit: Beebop, Cool, Free, Swing. Peter Lokk, eine Spezialaufgabe! ;) #wikicon
  • Unter den Quizzern ist übrigens auch Nicole Ebber, Projektmanagerin bei Wikimedia #wikicon
  • Sortieren Sie von unten nach oben: Mezzosphäre, Stratosphäre, Thermosphäre, Troposphäre. #wikicon
  • Vorletzte Frage: Nach dem chinesischen Horoskop haben wir welches Jahr? #wikicon (Ich tippe ja auf Jahr des Nerd ;) )
  • Welche Quelle: Kurz ist der Schmerz und ewig ist die Freude! #wikicon Das ist die Letzte Frage des heutigen Abends. :D

(Ab jetzt kommen die Antworten, etwas unsortiert, bitte selbst zuordnen...)

  • Dänemark, Gürteltiere, A&O suchen das Edelweiss. BK: Adenauer und Schröder. #wikicon
  • jazz: Swing, Beebop, Cool und Free #wikicon
  • Schichten: Tropo, Strato, Mezzo und Thermosphäre #wikicon
  • Es ist das chinesische Jahr des Hasen. #wikicon
  • Kurz ist der Schmerz ... ist aus Schillers Jungfrau aus Orleans. #wikicon
  • Endwertung: Pl 3 Berlin-Hildesheimer und Wrestler, Pl 2 Simpsons und Pl 1 Musikcafe mit 26 Punkten. #wikicon
  • Damit verabschiede ich mich von Euch draussen und drinnen, hat Spass gemacht, Kev war sehr amüsant. Wir gehen Bett! :) #wikicon

Unter dem Hashtag #wikicon findet sich auch die Twitterwall zur WikiConvention 9.-11. September 2011 in Nürnberg.

Freitag, 9. September 2011

Plagiatsjäger werden in 60 Minuten


"Mein Ziel ist, dass Sie hier herausgehen und die dümmeren Plagiatoren finden": Debora Weber-Wulff ist bei Wikipedia "WiseWoman" und im Hauptberuf Professorin für Medieninformatik an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin. Ihr Referat ist eins der ersten am Freitag abend auf der WikiCon in Nürnberg.

Was ist eigentlich ein Plagiat? "If you copy from one author, it's plagiarism. If you copy from two, it's research". Woher stammt das Zitat? Zum Glück gibt es Wikiquote... Die "Modern Language Association" meint: die Unterlassung geeigneter Hinweise auf die Quelle. Was ist "geeignet"? Weber-Wulff fordert das Einhalten ganz einfacher Regeln: 1. Direktes Zitat, 2. Indirektes Zitat ("Wie Munkelshofen sagt..."), also ganz einfach: Anfang, Ende, Beleg.

Debora Weber-Wulff fordert Quellenkritik ein. "Gibt einer in einer Dissertation Superillu an, dann erwarte ich eine Kritik der Quelle". Sie singt ein Loblied auf das klassische Handwerk des Peer review: Da verwendet jemand Zahlen. Woher hat er die? Das geht ganz klassisch ohne Google: Man verfolgt die Fußnote. Beispiel Jorgo Chatzimarkakis: Wenn jemand zwar die Quelle nennt, aber seitenweise wörtlich übernimmt, ist das nicht okay. Wann ist das Übernehmen erlaubt? Weber-Wulff empfiehlt Dirk van Gehlens neues Buch "Mashup": Hier geht es unter anderem um Zitate, zum Beispiel bei der Kunst.

Wikipedia etwa hat ein Plagiatsproblem rechtlicher Art. Hier liegen Urheberrechtsprobleme vor. Das ist zu unterscheiden von unsauberer wissenschaftlicher Arbeitsweise, die ja möglicherweise gar keine Urheberrechtsverletzung darstellt. Mancher, der Wikipedia an den Karren fahren möchte, versucht, eine Urheberrechtsverletzung nachzuweisen. Wikipedia verlangt daher eine Selbständigkeitserklärung.

Mitten im Publikum sitzt stillvergnügt neben "Avatar" Martin Heidingsfelder, als "Goalgetter" einer der Hauptakteure von Guttenplag, und beantwortet Fragen: Wieviele Menschen waren an Guttenplag-Wiki beteiligt? Er meint: Bis zu 20.000, aktiv waren es etwa tausend, intensiv waren es weniger als 50.

Hochschullehrer und Lehrer im Publikum fragen nach geeigneter Software zur Plagiatsjgd: Welche taugt etwas? Debora Weber-Wulff hat 26 davon getestet. Bewertet wurde auch, wenn etwas als Plagiat gekennzeichnet wurde, das keins ist. Debora Weber-Wulff: "Guttenberg z. B. hat ja auch manchmal korrekt zitiert (zu sechs Prozent)". Eins der Testobjekte war Guttenbergs Doktorarbeit. Die Software ist teilweise "schmerzhaft teuer" (Debora Weber-Wulff). Leider taugen die kostenfreien auch wenig.

Also lieber selber suchen. Es gibt Google, Yahoo, Metager... Oft reichen 3-5 Wörter, rät die Referentin. Wer das selbst ausprobieren will, findet hier eine Menge Übungen samt Auflösungen von Debora Weber-Wulff.

Eröffnung der WikiCon am 9.9.2011, 18 Uhr

Es ist ein Nerd-Treffen. Kaum jemand ohne Notebook oder Smartphone, WLAN im ganzen Haus. Dafür wirkt das Tagungsambiente erfreulich analog: Es gibt echtes Buffet, ein freundliches Team, das Einchecken funktioniert ganz unproblematisch. Wie bei vielen Online-Treffen ist das Namensschildchen das meistgesuchte Tool: Wer ist mein Gegenüber? Wie möchte er genannt werden? Bin ich mit ihm schon mal auf VM (der Vandalismusmeldungsseite von Wikipedia) zusammengerumpelt? Dafür sind alle sehr, sehr freundlich.

Dienstag, 9. August 2011

Einladung zur WikiCon, 9.-11.9.11, in Nürnberg

Die Nürnberger Medienakademie veranstaltet gemeinsam mit dem gemeinnützigen Verein Wikimedia Deutschland vom 9. bis 11. September 2011 in Nürnberg die WikiConvention 2011. Mit diesem Wikipedia-Kongress soll das zehnjährige Bestehen der deutschsprachigen Wikipedia mit Workshops, Podiumsdiskussionen und Vorträgen gefeiert werden. Unterstützt wird der Kongress auch vom Mediencampus Bayern. Mehr Infos bei Wikipedia